Wer steckt eigentlich hinter … elbwalker?

Aus einer Vielzahl von Bewerbungen den besten Mitarbeiter aussuchen, das war einmal. Heute können sich gute Fachkräfte ihr Unternehmen aussuchen, nicht andersherum. Qualifizierte Mitarbeiter trotz Fachkräftemangel finden: Gar nicht so leicht für Unternehmen heute. Das HR Tech Startup elbwalker sieht Bewerber als Kunden der Recruiting-Abteilung, die auch so behandelt werden sollten. Dieses Prinzip einfach und schnell auf bestehende Prozesse anwenden, um Bewerber für sich zu gewinnen: Das ermöglicht das Startup Recruiting- und Personalmarketingabteilungen mit seiner Echtzeit-Personalisierungsplattform.

Die GründerInnen Ayla Jürgensen, Alexander Kirtzel und Jan Sieche haben nach Otto kürzlich mit Gruner + Jahr einen weiteren Großkunden hinzugewonnen. Wie das Team mit Corona umgeht, welche Idee hinter elbwalker steht, wie die Pläne des Startups aussehen und vieles mehr, darüber haben wir mit Ayla gesprochen.

Zunächst einmal: Wie geht es euch?
Uns geht es gut! Tatsächlich hatten wir einen positiven Fall in unserem Co-Working-Space, weshalb wir alle bereits seit zwei Wochen aus dem Home Office arbeiten. Das ist zwar schade, weil wir uns ja eigentlich ganz gern mögen und gerne zusammensitzen :p, für unsere Arbeit an sich aber überhaupt kein Problem. Bei uns ist sowieso alles auf Remote Work ausgelegt, da wir auch viel mit Freelancern etc. zusammenarbeiten. Die Gesundheit geht in jedem Fall kompromisslos vor!

Wie geht Ihr als Team mit der derzeitigen Situation um?
Natürlich mussten wir erst einmal schlucken, nachdem der Ernst der Lage allen klar geworden war und natürlich sind viele Fragen aufbekommen. Werden Unternehmen in der aktuellen Situation neue Software einführen? Haben sie jetzt keine anderen Sorgen? Wie wird sich das alles auf unsere anstehende Finanzierungsrunde auswirken? Wie gestalten wir unsere Kundenakquise, wenn mit Messen und Konferenzen unser Haupt-Akquisekanal wegbricht?

Dann haben wir uns zusammengesetzt (virtuell, jeder bei sich am Schreibtisch) und neben den ganzen negativen Auswirkungen, die diese Situation mit sich bringen könnte, überlegt, wie wir sie für uns vielleicht auch nutzen können und vor allem, wie wir helfen können. Krankenhäuser oder der Einzelhandel suchen gerade in dieser Zeit noch mehr Unterstützung und freiwillige Helfer als sonst. Deshalb haben wir uns entschlossen unser QuickApply-Feature für Betriebe und Vereine, die die Gesundheits- und Grundversorgung in dieser Zeit aufrechterhalten, kostenlos anzubieten. Gerade jetzt sollten Bewerber keine langen Bewerbungsprozesse durchlaufen müssen. Auf der anderen Seite haben die meisten Unternehmen gerade jetzt nicht die Möglichkeit, mal eben ihren gesamten Bewerbungsprozess umzugestalten, so dass er trotzdem noch ihren Ansprüchen an die Qualifikation der Mitarbeiter gerecht wird. Hier, denken wir, können wir aktuell sehr gut unterstützen. Die Rückmeldungen besonders von Organisationen, die kurzfristig freiwillige Helfer suchen, sind bisher sehr positiv und für uns eine Chance, einen Fuss in diese Branchen zu bekommen.

Wie erklärst du deinen Großeltern, was elbwalker ist?
Ich würde ihnen erklären, dass es heutzutage viele Unternehmen sehr schwer haben, offene Stellen zu besetzen. Mittlerweile ist es die Regel geworden, dass gute Fachkräfte sich ihren Arbeitsplatz aussuchen können und nicht mehr wie früher die Unternehmen eine große Auswahl an Bewerbungen für ihre ausgeschriebenen Stellen bekommen. Um die besten Talente für sich zu gewinnen, ist es wichtig, ein kandidaten-zentriertes Recruiting im Unternehmen zu etablieren und es Bewerbern so einfach wie möglich zu machen, Kontakt zum Unternehmen herzustellen. Standard-Bewerbungsprozesse, Anschreiben und Lebensläufe werden zukünftig massiv an Bedeutung verlieren. Wir helfen Unternehmen mit unserer Software dabei, die Kontakthürde zu potentiellen Kandidaten so gering wie möglich zu halten und Bewerbungsprozesse zu individualisieren. Und das durch das Ausschöpfen der eigenen Kanäle und Plattformen wie bspw. der Karriere-Webseite. Häufig wird heute aus Verzweiflung nämlich einfach immer mehr Geld in Stellenbörsen oder aktives Headhunting gesteckt, anstatt die eigenen Möglichkeiten zu nutzen. Wir bieten Unternehmen eine einfach bedienbare, kostengünstige und deutlich nachhaltigere Alternative. Unser Ziel ist es, jede geeignete Fachkraft, die sich bereits auf der Karriere-Webseite über das Unternehmen und offene Stellen informiert, auch zu einem Bewerber zu machen. Damit verschaffen wir den Unternehmen schneller mehr passende Bewerber.

Was ist die konkrete Idee hinter elbwalker?
Wir bauen die erste Echtzeit-Personalisierungs-Engine für das Personalmarketing bzw. Recruiting. Um hierbei höchste Datenqualität zu garantieren, umfasst unsere Plattform neben der direkten Optimierung der Kanäle auch die Datenerhebung selbst. Denn hier scheitert es bereits bei dem Großteil der Unternehmen. Unsere Plattform erfasst also sämtliche Daten von Touchpoints entlang der Candidate Journey und macht diese in Echtzeit nutzbar. Welche Zielgruppe, zu welchem Zeitpunkt, mit welchem Inhalt angesprochen werden soll, entscheiden die Personaler per Self-Service Konfiguration selbst. Konkret bieten wir derzeit vier Features an (Conversion-Pop Ups zum Hinzufügen zum Talentpool, Feedback Widgets, Quick Apply-Funktionen und direkte Terminbuchungen für Kennenlern – oder Bewerbungsgespräche), erweitern unser Set aber stetig. Die Features werden als Whitelabel-Lösung in die Kanäle der Unternehmen eingebunden – entsprechen als zu 100% den Corporate Identity und Employer Branding-Vorgaben des jeweiligen Unternehmens. Wir stellen Vorlagen für alle Features und geben unseren Kunden Empfehlungen und Best Practice-Beispiele, an welchen Touchpoints es besonders sinnvoll ist, Kandidaten aktiv anzusprechen, an die Hand. Wir haben beobachtet, dass ein persönlicher Kontakt und Support vor allem beim Onboarding unserer Software in der Personalbranche unerlässlich ist.

Welches Problem löst Ihr damit?
70% der Unternehmen in Deutschland haben eine Karriereseite und nutzen diese, um ihren Bewerbungsprozess abzubilden. Im Durchschnitt bewerben sich von allen Besuchern einer Karriereseite allerdings nur ein Bruchteil am Ende auch tatsächlich. Selbst wenn konkretes Interesse an einer Stelle besteht und eine Bewerbung gestartet worden ist, springen rund Dreiviertel der Kandidaten im Prozess wieder ab. Es geht also enormes Bewerberpotential auf der eigenen Karriereseite verloren. Vielen Personalern fehlt das nötige technische Wissen bzw. die Ressourcen, um Prozesse und Kanäle zu optimieren und zu personalisieren, um bspw. Abbrecher zum Abschluss einer Bewerbung zu bringen. Schlimmer noch – ein Großteil der Unternehmen kann diese Kennzahl noch nicht einmal nennen, da sie nicht gemessen wird – das berühmte “Post and Pray” Prinzip. Hinzu kommen die steigenden Anforderungen des Datenschutzes, welche dazu führen, dass Unternehmen sich an das Thema Datenerhebung und Optimierung gar nicht erst rantrauen. Personalisierte und positive Bewerbungserlebnisse sind jedoch unverzichtbar, möchte man im War of Talents als Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben.

Wann und wie wurde aus der Idee ein Startup?
Mitte 2018 erhielten wir das Gründungsstipendium Schleswig-Holstein, um einen ersten Prototypen, damals noch mit starkem Fokus auf die einfache Erhebung von Nutzerdaten ohne Programmieraufwand, zu entwickeln. Aufgrund der innovativen Automatisierungskomponenten der Software erhielt elbwalker Anfang 2019 das EXIST-Gründerstipendium. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Reaktionen des Marktes auf den Prototypen immer positiver. Wir bekamen die ersten Anfragen für Pilotprojekte von großen Konzernen, so dass wir kurz darauf im Mai 2019 die elbwalker GmbH gründeten.

Wie habt Ihr als Team zusammengefunden?
Die Idee kam Alexander, nachdem er sich jahrelang bereits während des Studiums und in seiner Abschlussarbeit mit dem Thema Data Analytics und Scraping/Crawling von Webseiten ausführlich beschäftigte. Durch einen Entrepreneurship-Workshop an der Fachhochschule Wedel, haben Alexander und ich uns kennengelernt und ich war schnell von der Idee begeistert. Mit unserer vereinten Expertise in der Web Analyse und Dateninterpretation entwickelten wir den Prototypen zu einem Produkt. Bei der Akquise der ersten Pilotkunden merkten wir jedoch schnell, dass wir hierbei Hilfe benötigen, um den Vertrieb professioneller und skalierbar zu machen. Ende 2019 machte Jan dann mit seiner Expertise in diesem Bereich unser Team komplett.

Was bedeutet es für Dich persönlich in einem Startup zu arbeiten?
In einem Startup zu arbeiten, bedeutet für mich Ideen schnell umsetzen zu können und Neues zu schaffen mit einem Mehrwert, den ich direkt zu spüren bekomme. Ich kann mich noch genau an das erste Mal erinnern, als wir den konkreten Output unserer Software persönlich bei einem begeisterten Kunden präsentiert haben. Mit dem Feedback unserer User unser Produkt jeden Tag Schritt für Schritt ein bisschen besser zu machen, ist das, was mich antreibt. Ich könnte mir außerdem keinen Job vorstellen, indem ich die Kombination aus Zahlenaffinität und Kreativität gleichzeitig in diesem Maß anwenden kann.

Rückblickend auf die Anfangszeit: Was waren die größten Herausforderungen?
Definitiv der Fokus. Wir hatten zu Beginn gar keine konkrete Zielgruppe für unser Produkt im Kopf. Wir wollten etwas einfacher machen, was in vergangenen Jobs immer als “der nervige Teil” bezeichnet worden war. Der Fokus lag immer auf der Entwicklung von neuen Produkten, neuen Features, neuen Marketing-Kampagnen etc. – das alles möglichst schnell. Aber egal in welcher Branche – niemand mochte es, sich darum zu kümmern, wie man den Output des Ganzen eigentlich messbar macht, um den Erfolg oder Misserfolg wirklich beurteilen zu können. Geschweige denn, wie man Datenqualität garantiert und Daten interpretiert. Prinzipiell ist unsere Software sehr generisch gebaut und kann auf sämtlichen Webseiten angewandt werden. Das Produkt ist aber nur ein vergleichsweise sogar kleiner Teil einer Unternehmensgründung. In der Kommunikation und im Vertrieb ist es deutlich einfacher für uns geworden, seitdem wir uns für die Fokussierung auf eine Branche, bei der wir derzeit den größten Pain sehen, entschieden haben.

Was würdest Du anderen Gründern als Tipp mitgeben?
Man muss bei der Gründung nicht schon alles können und Experte in allen möglichen Bereichen sein. Viele Dinge lernt man auf dem Weg. Außerdem verläuft ein Großteil der Dinge sowieso nicht so, wie man es plant – egal mit wieviel fachlicher Erfahrung. Und lernen mit Feedback umzugehen. Rauszugehen und möglichst viel Feedback zur Idee zu bekommen, ist zwar unglaublich wichtig, genauso wichtig ist es aber, das Feedback auch einordnen zu können. Wir haben uns zu Beginn von kritischem Feedback von Personen, die weder unserer Zielgruppe noch sonstigen Stakeholdern entsprachen, häufig fehlleiten lassen. Heute gelingt es uns viel besser jedes Feedback ernst zu nehmen, aber eben nicht jedes auch wirklich umzusetzen, sondern zu priorisieren.

Außerdem würde ich allen Gründern empfehlen von Anfang an bestimmte Projektmanagement-Techniken anzuwenden, egal wie groß das Team ist. Wir profitieren sehr von täglichen Standup-Meetings zur Besprechung der Aufgaben für den Tag sowie wöchentlichen Strategie- und Feedbacksitzungen. Das klingt banal, aber solche Prozesse zu verfestigen und durchzuziehen, ist am Anfang gerade in kleinen Teams mitunter nicht einfach, weil man dazu neigt, viele Dinge “zwischen Tür und Angel” zu klären oder zu besprechen. Man verliert durch diese “Zwischendiskussionen” aber jedes Mal an Fokus und Speed. Wenn man sich daran hält und bspw. in wöchentlichen Sprints arbeitet, kommt man deutlich schneller und produktiver voran.

Wie sehen Eure nächsten Pläne aus?
Anfang des dritten Quartals diesen Jahres möchten wir den offiziellen Markteintritt schaffen und unser Produkt öffentlich zugänglich machen. Bis dahin arbeiten wir bewusst nur mit ausgewählten Pilotpartnern eng zusammen, um das Produkt marktreif zu machen. Um allen größen – und branchenspezifischen Anforderungen bestmöglich gerecht zu werden, haben wir Pilotkunden vom Startup bis hin zum Großkonzern.

Wie finanziert Ihr euch momentan und welche nächsten Steps schweben Euch da vor?
Zurzeit durchlaufen wir das Förderprogramm InnoRampUp der Investitions- und Förderbank Hamburg (IFB). Diese ermöglicht uns, erste Mitarbeiter einzustellen, um einen erfolgreichen offiziellen Markteintritt auch zu erreichen. Um wirklich wachsen zu können, streben wir im Herbst diesen Jahres eine weitere zusätzliche Finanzierung in Form von Venture Capital an.

Wo steht elbwalker in fünf Jahren?
In fünf Jahren ist elbwalker die meistgenutzte Recruitment Marketing Plattform in Deutschland und personalisiert nahezu jede Candidate Experience, wenn es um die Gewinnung und (Re-)Aktivierung der besten Talente geht. Zusätzlich wurden international neue Märkte erschlossen und zahlreiche Kooperationen mit führenden Bewerbermanagement-Systemanbietern geschlossen, zu denen unsere Plattform eine optimale vertikale Ergänzung darstellt. Wir drei sind natürlich immer noch elbwalker – zusammen mit hoffentlich ganz vielen anderen, die HR Tech vorantreiben wollen.

Vielen Dank für das Interview, Ayla!

Background

Alexander ist gelernter Fachinformatiker und studierte anschließend Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Wedel. Sein Job als Full Stack Entwickler bei rexx Systems, einer der größten HR Software Anbieter auf dem deutschen Markt, ermöglichte ihm außerdem wertvolle Einblicke in die Entwicklung von Software für Personalabteilungen. Erste unternehmerische Erfahrungen erlangte Alexander durch das Entrepreneur-in-Residence Programm des Hamburger Company Builders Hanse Ventures. Alexander ist verantwortlich für die technische Entwicklung der elbwalker-Plattform.
Jan studierte BWL mit dem Schwerpunkt Entrepreneurship an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und der Leuphana Universität Lüneburg. Nach seinem Master arbeitete er im Vertrieb für verschiedene Digitalunternehmen. Zuletzt war er als selbständiger Berater für Marketing- und Vertriebsstrategien für KMUs tätig. Heute verantwortet er diese Bereiche bei elbwalker.
Ayla studierte E-Commerce an der Fachhochschule Wedel und realisierte bereits während ihres Studiums in verschiedenen Startups eigene Projekte aus den Bereichen Online Marketing, Marketing Intelligence und Data Analytics. Durch ihre praktischen Erfahrungen mit zahlreichen Tools, agilem Projektmanagement und ihre ausgeprägte Zahlenaffinität ist sie bei elbwalker für das Produktmanagement sowie die Themen Finance und Operations zuständig.