In der Welt der „Side Hustles“ und Startups dominieren oft digitale Geschäftsmodelle. Doch abseits von E-Commerce und Coding wächst ein analoger Markt, der zutiefst menschlich und krisensicher ist: Das Reden auf freien Beerdigungen. Die Rolle des freien Trauerredners (oft auch Grabredner genannt) hat sich in den letzten Jahren von einer Nische zu einer gefragten Dienstleistung entwickelt. Für Menschen mit Empathie, rhetorischem Talent und dem Wunsch nach einer sinnstiftenden Tätigkeit bietet dieses Berufsfeld eine ideale Möglichkeit zur nebenberuflichen Selbstständigkeit.
Das Wichtigste in Kürze:
- Wachstumsmarkt: Sinkende Kirchenbindungen erhöhen den Bedarf an weltlichen, individuellen Abschiedsfeiern massiv.
- Verdienstmöglichkeiten: Honorare zwischen 300 und 500 Euro pro Rede machen die Tätigkeit auch finanziell attraktiv.
- Voraussetzungen: Wichtiger als Zertifikate sind Empathie, psychische Stabilität und die Fähigkeit, gut zu schreiben und vorzutragen.
- Zeitmanagement: Die Vorbereitung ist flexibel, die Termine liegen jedoch meist werktags am Vormittag.
Warum der Bedarf an freien Rednern explodiert
Um das geschäftliche Potenzial zu verstehen, lohnt ein Blick auf die gesellschaftlichen Zahlen. Die Bindung an die großen Volkskirchen nimmt in Deutschland stetig ab. Doch wenn ein Mensch stirbt, bleibt das Bedürfnis der Hinterbliebenen nach einem würdevollen Abschied bestehen. Früher füllte der Pfarrer diese Rolle automatisch aus. Heute stehen viele Angehörige vor der Frage: Wer gestaltet die Zeremonie, wenn der Verstorbene nicht religiös war oder eine unkonventionelle Feier gewünscht hat?
Hier kommen freie Trauerredner ins Spiel. Sie füllen eine Lücke, die durch den gesellschaftlichen Wandel entstanden ist. Anders als in der Kirche gibt es bei freien Rednern keine Liturgie-Pflicht. Im Mittelpunkt steht der Mensch mit all seinen Facetten, Ecken und Kanten. Für Gründer bedeutet das: Sie betreten einen Markt mit hoher Nachfrage und vergleichsweise geringen Einstiegsbarrieren, in dem Qualität und Persönlichkeit die entscheidenden Währungsfaktoren sind.
Das Berufsbild: Mehr als nur „schöne Worte“
Viele Interessierte stellen sich den Job romantischer vor, als er ist. Trauerredner zu sein, bedeutet Arbeit. Es ist ein Handwerk, das aus drei Säulen besteht:
- Das Vorgespräch (Die Seelsorge): Dies ist das Herzstück der Arbeit. Sie besuchen die Angehörigen (oder treffen sie digital), oft nur wenige Tage nach dem Todesfall. Hier müssen Sie zuhören, Fragen stellen, Schweigen aushalten und aus einem Wust an Erinnerungen den Charakter des Verstorbenen herausfiltern. Sie fungieren in diesem Moment oft als akute Trauerbegleiter.
- Das Schreiben (Die Manufaktur): Zu Hause am Schreibtisch wird aus den Notizen eine Rede. Hier ist Kreativität gefragt. Eine gute Trauerrede ist keine chronologische Abhandlung des Lebenslaufs („geboren, Schule, geheiratet, gestorben“), sondern ein Porträt der Persönlichkeit. Sie muss trösten, darf aber auch zum Schmunzeln anregen.
- Der Vortrag (Die Performance): In der Trauerhalle oder am Grab sind Sie der Zeremonienmeister. Sie müssen sicher vortragen, Blickkontakt halten und die Atmosphäre steuern – auch wenn im Publikum Tränen fließen.
Voraussetzungen: Kann das jeder machen?
Rein rechtlich ist der Begriff „Trauerredner“ in Deutschland nicht geschützt. Theoretisch kann jeder morgen damit anfangen. Praktisch scheitern jedoch viele, die die psychische Belastung unterschätzen oder handwerklich nicht sauber arbeiten.
Sie benötigen Empathie und Abgrenzungsfähigkeit. Sie tauchen tief in das Leid anderer Menschen ein, müssen aber professionell genug bleiben, um nicht selbst in Trauer zu versinken. Zudem ist Sprachgefühl unerlässlich. Wer Schwierigkeiten hat, Texte zu formulieren oder Angst vor dem freien Sprechen hat, wird es schwer haben. Eine formale Ausbildung (z.B. Theologie oder Germanistik) ist hilfreich, aber absolut keine Pflicht. Viele erfolgreiche Redner sind Quereinsteiger aus pädagogischen, pflegerischen oder künstlerischen Berufen.
Der Weg in die Selbstständigkeit: Ausbildung und Start
Da es keinen staatlich geregelten Ausbildungsweg gibt, ist Eigeninitiative gefragt. Bestatter, die Ihre wichtigsten Multiplikatoren und Auftraggeber sind, prüfen neue Redner oft kritisch. Wer unvorbereitet in ein Trauergespräch geht oder auf der Kanzel stottert, bekommt keine zweite Chance.
Es empfiehlt sich daher dringend, das Handwerk von Grund auf zu lernen. Dazu gehören Rhetorik, der Aufbau einer Trauerrede, der Umgang mit schwierigen Familiensituationen und Marketing für die eigene Dienstleistung. Wer diesen Schritt professionell angehen und Fehler vermeiden möchte, sollte sich gezielt schulen lassen und nebenberuflich Trauerredner werden. Eine fundierte Ausbildung dient oft auch als Qualitätssiegel gegenüber Bestattern und Angehörigen.
Business-Plan: Honorar und Zeitaufwand
Betrachten wir die Tätigkeit aus der Startup-Perspektive: Wie sieht das Geschäftsmodell aus?
Einnahmen: Das Honorar für eine Trauerrede variiert je nach Region und Erfahrung stark. Üblich sind Sätze zwischen 250 Euro und 500 Euro (brutto). Darin enthalten sind das Vorgespräch, die Ausarbeitung der Rede, die Anfahrt und der Vortrag.
Zeitinvestition: Für eine Rede sollten Einsteiger mit etwa 8 bis 10 Arbeitsstunden rechnen. Mit wachsender Routine sinkt dieser Aufwand auf etwa 5 bis 7 Stunden.
- Vorgespräch inkl. Anfahrt: ca. 2–3 Std.
- Schreiben der Rede: ca. 3–4 Std.
- Zeremonie inkl. Anfahrt: ca. 1–2 Std.
Ein Rechenbeispiel: Wer nebenberuflich zwei Reden pro Monat hält, kann – je nach Steuersatz und Ausgaben – mit einem Zusatzverdienst von 600 bis 1.000 Euro rechnen. Die materiellen Investitionen sind dabei minimal: Ein Laptop, seriöse Kleidung („Dienstkleidung“) und eine Website reichen für den Start.
Die zeitliche Hürde: Einen wichtigen Aspekt müssen Sie beachten, wenn Sie hauptberuflich angestellt sind: Beerdigungen finden in Deutschland fast ausschließlich werktags zwischen 09:00 und 14:00 Uhr statt. Sie benötigen also einen Hauptjob, der Ihnen diese Flexibilität erlaubt (z.B. durch Gleitzeit, Schichtdienst oder Home-Office). Das Schreiben und die Vorgespräche lassen sich hingegen gut in den Abendstunden oder am Wochenende erledigen.
Kundenakquise: Wie kommen Sie an Aufträge?
Anders als bei Hochzeitsrednern, die oft über Social Media oder Hochzeitsmessen gebucht werden, läuft das Geschäft mit der Trauer anders. Im Todesfall sind Angehörige im Schockzustand. Sie googeln selten nach Rednern, sondern vertrauen der Empfehlung des Bestatters.
Ihr Marketing muss sich also B2B (Business-to-Business) ausrichten.
- Mappe erstellen: Erstellen Sie eine professionelle Vorstellungsmappe mit Proberedetexte und Ihrer Vita.
- Bestatter besuchen: Stellen Sie sich persönlich bei den Bestattungsinstituten in Ihrem Landkreis vor. Der persönliche „Nasenfaktor“ ist hier entscheidend.
- Webseite: Eine seriöse, suchmaschinenoptimierte Webseite ist Pflicht, damit Angehörige sich ein Bild von Ihnen machen können, nachdem der Bestatter Ihren Namen genannt hat.
Fazit: Ein Nebenjob mit Sinn
Als Trauerredner verkaufen Sie kein Produkt, Sie schenken Trost und Erinnerung. Es ist eine der wenigen Dienstleistungen, bei denen Sie unmittelbares, tief empfundenes Feedback erhalten. Wer bereit ist, sich auf die Endlichkeit des Lebens einzulassen und das Handwerk des Redens ernst nimmt, findet hier eine erfüllende, krisensichere und finanziell lohnende Tätigkeit, die sich hervorragend als zweites Standbein aufbauen lässt.
